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Bischofswort zur Landtagswahl 2026

Mit Hoffnungskraft für Zusammenhalt und Demokratie

15.04.2026
Tilman Jeremias, Bischof im Sprengel Mecklenburg und Pommern
Es gehört zu unserer christlichen Verantwortung, uns für eine offene und vielfältige Gesellschaft einzusetzen
Es gehört zu unserer christlichen Verantwortung, uns für eine offene und vielfältige Gesellschaft einzusetzen Foto: Unsplash

„Denn Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern den Geist der Kraft, der
Liebe und der Besonnenheit." (2. Timotheus 1,7)


Liebe Geschwister,

in einer Zeit, in der demokratische Prozesse zunehmend angezweifelt, Institutionen verächtlich gemacht und Misstrauen geschürt wird, richte ich dieses Wort an Sie. Populistische, rechtsextremistische und antisemitische Positionen werden gesellschaftsfähiger. Hass und Hetze treiben unsere Gesellschaft auseinander. Viele von uns sind verunsichert und sehen mit Angst und Sorge in die Zukunft.
 
Doch der 2. Timotheusbrief erinnert uns: Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben. Wir lassen uns von Angst und Sorge nicht lähmen. Wir lassen uns nicht von scheinbar einfachen Lösungen verführen, die die Würde von Menschen nicht achten. Stattdessen hat Gott uns den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit geschenkt. Aus diesem Geist heraus möchte ich Sie ermutigen, im Vorfeld der kommenden Landtagswahl in unseren Gemeinden das Gespräch miteinander zu suchen und sich für gelebte Demokratie stark zu machen.


Die unveräußerliche Würde aller Menschen

Am Anfang der Bibel steht eine klare Zusage: ,,Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau" (1. Mose 1,27). Alle Menschen sind Gottes Ebenbilder. Diese Gottesebenbildlichkeit schreibt jedem einzelnen Menschen einen unvergleichlichen Wert und eine unverbrüchliche Würde zu. Sie gilt unabhängig von Herkunft, Hautfarbe, Religion, sexueller Orientierung, körperlicher oder geistiger Verfassung. Sie geht auch durch Schuld und Sünde nicht verloren. Das Ja Gottes zu den Menschen gilt ihnen gerade in ihrer Unvollkommenheit. 

Diese biblische Überzeugung hat ihren Ausdruck in den Men.schenrechten und den in unserer Verfassung verbrieften Grundrechten gefunden. Sie bleibt für Christinnen und Christen ein zentraler Maßstab, an dem sich politisches Handeln messen lassen muss. Jesus Christus hat uns vorgelebt, was es bedeutet, unerschütterlich für die unantast­bare Würde aller Menschen einzutreten. Klar in der Sache und ohne die Abwertung von Menschen. 


Unvereinbarkeit mit christlichen Werten klar benennen 

Mit großer Sorge nehmen wir wahr, wie in unserer Gesellschaft Ängste geschürt wer­den und Hass gegen Minderheiten verbreitet wird. Ideologien, die Menschen auf­grund ihrer Abstammung, Kultur oder Religion als ungleichwertig betrachten, stehen in direktem Widerspruch zur Lehre von der Gottesebenbildlichkeit aller Menschen. Die Positionen der AfD und anderer rechtsextremer Organisationen, die die gleiche Würde aller Menschen bestreiten, sind mit christlichen Werten und mit der Verfas­sung unserer Kirche nicht vereinbar. 

Dies ist eine theologisch begründete Einsicht. Wir können nicht schweigen, wenn die Gleichwertigkeit aller Menschen bestritten wird. Wir können nicht zusehen, wenn an­tisemitisches und rassistisches Gedankengut verbreitet wird. Wir können nicht akzep­tieren, wenn Menschen anderen Glaubens herabgesetzt werden. 

Aus der Tatsache, dass die AfD demokratisch gewählt werden kann, lässt sich nicht schließen, dass es sich um eine demokratische Partei handelt. Wir müssen in den Blick nehmen, welche Gefahr von der AfD ausgeht. In ihren Programmen wird eine natio­nal-völkische Ausrichtung erkennbar, die das Ziel einer „homogenen Volksgemein­schaft'' verfolgt. Wo die AfD die Gleichwertigkeit aller Menschen nicht anerkennt, ver­lässt sie den Boden der Demokratie. 

Wer AfD-Wählerinnen und -Wähler ernst nimmt, muss menschenverachtende Ideolo­gien klar benennen, statt sie zu verharmlosen. Schweigen könnte ansonsten als Zu­stimmung oder Akzeptanz gedeutet werden. Respekt vor der Würde eines jeden Menschen bedeutet, menschenfeindliche Positionen nicht unwidersprochen zu lassen. Zugleich muss diese Würde auch jenen gelten, deren politische Meinungen wir nicht teilen. In unseren Kirchengemeinden sind alle Menschen zu unseren Gottesdiensten und Veranstaltungen herzlich willkommen. Andersglaubende oder politisch Anders­denkende auszuschließen sollte nicht unser Weg sein. Wir sind offen für das Gespräch mit allen Menschen. Sätze wie „Die haben bei uns nichts mehr verloren." oder „Mit dem rede ich nicht mehr." sollten wir einander nicht zumuten. Es geht darum, einan­der zuzuhören und ernst zu nehmen, was mein Gegenüber bewegt. Dem Gefühl der Verunsicherung und Ohnmacht angesichts von Veränderungen, die als bedrohlich empfunden werden, Raum zu geben. Unsere Kirchengemeinden können ein Ort sein, dem Eindruck des Nicht-Gehört-Werdens entgegenzutreten. In der Hoffnung, dass Begegnung den Raum für Veränderung öffnet. Die Freiheit der Worte muss dabei aber eine Grenze im Blick behalten. Sie verläuft dort, wo die gleiche Würde eines an­deren Menschen bestritten oder herabgesetzt wird. Wo Vorurteile und Abwertungen die inhaltliche Auseinandersetzung ersetzen. 


Der Geist der Kraft: Gestalten statt verzagen 

Aus dem Geist der Kraft leben wir in dem Vertrauen, dass Veränderung möglich ist und dass uns Gestaltungskraft bleibt. Demokratie ist nicht perfekt, aber wir sehen weltweit keine bessere politische Ordnung. Sie lebt von Kompromissen, die mühsam erarbeitet werden müssen. Sie braucht die Auseinandersetzung verschiedener Mei­nungen. Diese muss auf dem Boden von Rechtsstaatlichkeit und Demokratie geführt werden.
 
Deshalb öffnen wir als Kirche Räume für echte Gespräche in unseren Gemeinden, Gruppen und Kreisen. Wir suchen das Gespräch auch mit Menschen, deren Meinun­gen wir nicht teilen. Wir legen politische Differenzen offen, statt sie zu verschweigen. Wir schließen uns zusammen mit Menschen guten Willens, trotz Unterschieden im Glauben und politischen Denken. Und wir stärken Bündnisse für Demokratie in unse­rer Region. 


Der Geist der Liebe: Konfrontieren mit Respekt 

Aus dem Geist der Liebe heraus gilt: Klare Haltung und Gesprächsbereitschaft gehö­ren zusammen. Wir konfrontieren Unrecht, aber mit Respekt vor dem Menschen. Wir hören zu und nehmen ernst, was Menschen bewegt. Wir setzen uns auseinander in echten Gesprächen. Wir widersprechen dem Unrecht klar, aber bleiben einander menschlich zugewandt. 

Wenn wir uns einander zuwenden, liegt darin auch die Chance zur Veränderung. Auch wenn Veränderung nicht alle erreicht, kann darin eine Kraft liegen, gesellschaftliche Korrekturen auszulösen. 


Der Geist der Besonnenheit: Orientierung geben ohne zu verurteilen 

Aus dem Geist der Besonnenheit heraus geben wir Orientierung, ohne Menschen zu verurteilen. Wir benennen klar, was menschenverachtend und antidemokratisch ist, aber wir schreiben Menschen nicht ab.
 
Wir nutzen die Chancen dort, wo wir in verschiedenen Lebensbezügen nah an den Menschen und ihrer Lebenswirklichkeit sind: in Kitas, Schulen und Pflegeeinrichtun­gen, in der Seelsorge, in Besuchsdiensten, in der Jugendarbeit. überall dort, wo wir Menschen begleiten, können wir für Zusammenhalt eintreten und uns zu Nächsten­liebe bekennen. 


Unser Auftrag vor der Landtagswahl 

Es gehört zu unserer christlichen Verantwortung, uns für eine offene und vielfältige Gesellschaft einzusetzen. Eine Gesellschaft, in der jeder Mensch ohne Angst verschieden sein kann. Im Blick auf die wichtige Landtagswahl im September möchte ich Sie bitten: Stärken Sie mit Ihrer Stimme diejenigen Kandidatinnen und Kandidaten, die für die Menschenrechte und die freiheitlich-demokratische Grundordnung einstehen. 


Mit Hoffnung und Zuversicht 

Liebe Geschwister, wir haben guten Grund, nicht zu verzagen. Gott hat uns den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit gegeben. Aus diesem Geist heraus können wir die Hoffnung stark machen. Wir können zeigen, dass Demokratie lebt, wenn Men­schen sich engagieren. Wir können bezeugen, dass das Miteinander stärker ist als die Spaltung. 
Die Botschaft des Evangeliums bleibt: Veränderung ist möglich. Gottes Liebe ist stär­ker als die Macht der Angst. Sein Geist ermutigt uns, für eine Gesellschaft einzu­stehen, in der kein Mensch ausgegrenzt wird. 

In diesem Vertrauen gehen wir der Landtagswahl entgegen - kraftvoll, liebevoll und besonnen. 

Herzliche Grüße


Tilman Jeremias 
Bischof im Sprengel Mecklenburg und Pommern

 

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