„Demokratische Werthaltungen sind wichtig“

Seit fast zwei Jahrzehnten lebt Dr. Kurt T. im Schloss Matgendorf. Er schätzt die Herzlichkeit im Haus, erlebt echte Teilhabe und hat eine klare Haltung zur Demokratie.
Dr. Kurt T. wohnt seit 18 Jahren in den Psychosozialen Einrichtungen Schloss Matgendorf, seit 16 Jahren im Pflegewohnbereich des Hauses. Durch eine Schizophrenie-Erkrankung fiel es ihm zunehmend schwerer, den Alltag zu bewältigen, sodass der Einzug ins Schloss Matgendorf unabdingbar war.
Der Philosoph führte ein bewegtes Leben. „Ich komme aus Lippehne, Pommern, ehemals deutsches Gebiet. Wir hatten einen See in der Nähe, war aber nie wieder dort. Ich bin 91 Jahre alt und werde im Sommer 92. In jungen Jahren wurde ich 1945 von den Russen wegtransportiert und von meiner Familie getrennt. Ich habe nie wieder was von meinen Eltern und Geschwistern gehört. Wir wurden zum Kriegsende alle auseinandergerissen“, erzählt Dr. Kurt T. traurig. Er studierte in Leipzig Philosophie und promovierte später in diesem Fachgebiet. Dabei widerfährt im Kurioses: „Meine Doktorarbeit wurde durch jemand anderen gestohlen und mir wurde seine Doktorarbeit überschrieben. Dies bekam ich erst Jahre später mit. Gemeinsam mit meinem Betreuer schaffte ich es, dass dieses Problem bewältigt wurde. Es wurde erkannt, dass die Doktorarbeit nicht meine war. Meine eigens geschriebene Arbeit habe ich zwar nie wieder gelesen, aber mein Doktortitel wurde mir nicht aberkannt.“ Und auch während seines Arbeitslebens findet Dr. Kurt T. kaum Ruhe: „In der Vergangenheit hatte meine Gesundheit sehr gelitten. Aber hier in Matgendorf sind mein Körper und Geist zur Ruhe gekommen.“
Nun, fast zwei Jahrzehnte im Schloss Matgendorf lebend, erzählt er von den positiven Aspekten, die er im Laufe dieser Zeit erlebte. „Ich habe das Gefühl, dass die Menschen hier mit ihren Erkrankungen ernst genommen werden. Zunächst wohnte ich zwei Jahre in einer Kleinstwohngruppe im Haus. Nach dem Wechsel in den Pflegewohnbereich fühlte ich mich endlich angekommen. Ich erlebe alle Mitarbeiter sehr positiv und mein Lebensbewusstsein ist sehr gestiegen. Es kommt mir viel Liebe, Freundlichkeit und Herzlichkeit entgegen.“ Ganz besonders schätzt er die Abendroutine und erzählt emotional: „Wenn ich abends schlafen gehe und von einer Schwester zugedeckt werde, fühle ich mich sicher und gewürdigt. Es ist ein Gefühl von Zuhause sein.“
Durch das Gefühl des Zuhause-Seins, Routinen und auch das Wahrnehmen der gesellschaftlichen Teilhabe stabilisierte sich die psychische Verfassung von Dr. Kurt T. Die Routinen der Wohnform geben ihm Halt und Sicherheit.
Seit 2016 greift das Bundesteilhabegesetz (BTHG). Es ermöglicht den Bewohnern eine selbstbestimmte und an den Bedürfnissen orientierte gesellschaftliche Teilhabe. Weg von der Fürsorge, hin zur Teilhabe. So auch bei Dr. Kurt T.
In diesem Sinne ging sein Bezugsassistent auf seinen Herzenswunsch ein. Dr. Kurt T. wünschte sich den Dreiteiler „Das Kapital“ von Karl Marx. „Ich bekam die Bücher von Karl Marx zu Weihnachten, was ich als hohe Anerkennung erlebe“, sagt der 91-Jährige gerührt. Bewohner wie er erhalten im Pflegewohnbereich der Psychosozialen Einrichtungen Schloss Matgendorf die Leistungen der ergänzenden Eingliederungshilfe. Diese erfolgen zusätzlich zu den Pflegeleistungen und ermöglichen eine zielorientierte individuelle Teilhabe.
Diese Leistungen ermöglichen es Dr. Kurt T., dass er dazu befähigt und dabei unterstützt wird, die Bücher von Karl Marx zu lesen. Dies ist ihm ein großes Anliegen. Gerne geht er mit den Mitarbeitern zu den Inhalten der Bücher in den Austausch. Der Philosoph versteht viele politische und gesellschaftliche Probleme und sagt: „Da muss ich auf meinen Beruf zurückkommen. Ich habe studiert an der Uni Leipzig. Die Produktivkraft der Wirtschaft macht mir Sorgen, dass die finanzielle Grundlage des Staates nicht gewährleistet ist. Diese ist im letzten Jahr zusammengebrochen. Ich habe die Nachrichten verfolgt. Politisch sieht es nicht gut aus. Jede positive Meldung nehme ich auf.“
Zugleich würdigt er die politischen Errungenschaften. Als im Jahr 1934 Geborener durchlebte Dr. Kurt T. drei Gesellschaftsordnungen. Sein Blick darauf: „Alle Gesellschaftsordnungen haben ihr Für und Wider. Dennoch ist eine demokratische Orientierung wichtig, damit alle in den politischen Prozess miteinbezogen werden können.“
Als Philosoph sinniert er oft über die Grundwerte des Menschseins. Er nennt das Geachtetwerden wie auch Kameradschaft und Ehrlichkeit als Voraussetzung, um Anerkennung zu erhalten. Die Diakonie Güstrow lebt mit ihrem Leitbild „Menschen für Menschen“ die Grundwerte, die auch Dr. Kurt T. benennt.


