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Politische Fragen in der Kirche

01.09.2026
Pastor Wulf Schünemann, Ev.-Luth. Kirchengemeinde Schwaan-Lüssow-Parum
Wasserfall
Das Recht soll strömen wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach. Foto: pixabay Ressourcen

Andacht von Pastor Wulf Schünemann, Ev.-Luth. Kirchengemeinde Schwaan-Lüssow-Parum

Es ströme aber das Recht wie Wasser und die
Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.
Am 5,24 (L)


Liebe Leserinnen und Leser,

ist es angemessen, dass sich die Kirche zu politischen Fragen äußert? Die Prophetenbücher der Bibel sind ganz klar: Wenn sich jemand zum Glauben an Gott bekennt, hat das Auswirkungen nicht nur auf den privaten Lebenswandel, sondern auch auf die Beantwortung von gesellschaftlichen und politischen Fragen.

Der Prophet Amos greift dabei das Thema der Gerechtigkeit auf. Das ist sehr emotional und berührt jeden. Denn wer hat sich nicht schon einmal ungerecht behandelt gefühlt: von den Eltern, den älteren Geschwistern, einem Lehrer oder dem Chef. Und wer hat nicht schon einmal das Bedürfnis gehabt, jemandem zur Seite zu springen, der anscheinend ungerecht behandelt wurde. Das kennen wir aus dem persönlichen Umfeld, aber eben auch aus den politischen Diskussionen. Welche Löhne sind gerecht? Wie hoch sollen die Renten sein? Wer soll überhaupt ein Anrecht haben auf Sozialleistungen oder auf einen Aufenthalt in unserem Land? Wer soll welche Rechte bekommen? 

Auch wenn die Versorgung z.B. der Witwen und Waisen im Alten Testament nicht über eine Rentenversicherung erfolgte, war es selbst damals schon ein Thema mit gesellschaftlicher Sprengkraft.

Amos und seine Prophetenkollegen erheben in den politischen Auseinandersetzungen immer die Stimme für die Schwächsten in der Gesellschaft. Sie weisen die Wohlhabenderen eindringlich auf ihre Verantwortung für die hin, die weniger haben. Vor Gott sind alle Menschen gleich, von ihm haben alle das gleiche Recht auf ein würdiges Leben. Entstehende soziale Unterschiede werden angeprangert und sollen so gut es geht wieder ausgeglichen werden. Denn Gott will allen Menschen gerecht werden und auch wir Menschen sollen unseren Nächsten und Fernen gerecht werden. 

Die göttliche Gerechtigkeit ist aber keine Leistungsgerechtigkeit. Es geht nicht darum, was sich jemand selbst verdient hat, sondern dass jeder ein auskömmliches Leben verdient hat. Die Menschen haben so unterschiedliche Voraussetzungen. Die einen sind fit und stark, die anderen sind gesundheitlich oder sozial eingeschränkt und schwach. Wenn Gerechtigkeit bedeuten würde, dass jeder vom gesellschaftlichen Wohlstand nur das bekommt, was seiner Leistung entspricht, gewinnen immer die einen und verlieren immer die anderen. Nach Gottes Willen soll aber niemand vergessen werden. Ungerechtigkeiten in der Wohlstandsverteilung schreien sprichwörtlich zum Himmel. 

Das Treten nach Unten, das Abwerten von Menschen, die nicht so viel leisten können wie andere, ist unchristlich. Die Propheten lenken den Blick eher nach oben auf die Reichen und Superreichen ihrer Gesellschaft. Es kann nicht gerecht sein, dass sich der Wohlstand einzelner ohne ihrer eigener Hände Arbeit millionenfach erhöht und andere um Almosen bitten sollen.  

Wenn Amos für Gerechtigkeit eintritt, dann kämpft er nicht für seinen eigenen Vorteil, sondern er tritt für die gesellschaftlich Missachteten und Verachteten ein. Weil auch sie Gottes Geschöpfe sind.

Wir leben als Christen in hochpolitischen Zeiten. Die nächsten Wochen werden von der Landtagswahl bestimmt sein. Amos würde wohl sagen: Schaut genau darauf, wer für die Schwachen eintritt, für mehr soziale Gerechtigkeit und für das Lebensrecht der durch die Umweltzerstörung benachteiligten nächsten Generationen.  
 
Denn das Recht soll strömen wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.

Mit herzlichen Segenswünschen 

Ihr Wulf Schünemann
Pastor der Ev.-Luth. Kirchengemeinde Schwaan-Lüssow-Parum

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