Lasst uns erst mal zuhören

Andacht von Tim Trabe, Vikar der Ev.-Luth. Pfarrgemeinde Güstrow
Endlich Wochenende! Lange geschlafen, mit dem Kaffee in der Hand nach draußen in den Liegestuhl, die Sonne kitzelt in der Nase – alles ist perfekt!
Wäre da nicht dieser Wind! Kein laues Lüftchen, sondern ein richtiger Sturm.
So ähnlich beginnt die Geschichte von Pfingsten. Nur ohne Liegestuhl und mit deutlich weniger Kaffee.
Die Jünger sitzen zusammen, eher verunsichert als heldenhaft, Jesus ist nicht mehr da, die Zukunft ungewiss, die Stimmung irgendwo zwischen „Was jetzt?“ und „Wir bleiben lieber drin“. Und dann passiert es: Ein Brausen wie ein Sturm. Feuerzungen. Plötzlich fangen die Jünger an zu reden – so, dass Menschen aus allen möglichen Ländern sie verstehen können. Keine schlechte Fähigkeit, gerade heute, wo schon die Autokorrektur uns regelmäßig missversteht.
Die Jünger werden verstanden. Sie gehen raus, reden, diskutieren, begeistern. Immer mit dabei: Gott. So wird Pfingsten zum Geburtstag der Kirche. Nicht im Sinne von: „Ab heute bitte Protokoll führen und einen Kirchenvorstand gründen.“ Sondern als Moment, in dem Angst in Mut verwandelt wird. Der Heilige Geist ist dabei keine schwebende Nebelwolke, sondern Gottes Kraft, die Menschen in Bewegung setzt.
Wenn ich ehrlich bin, sehne ich diesen Geist auch uns, hier in 2026, herbei. Geredet wird auch bei uns viel – in Talkshows, Kommentarspalten und Kurznachrichten mit maximal 280 Zeichen. Aber Verstanden? Das ist eine andere Sache. Pfingsten erzählt von einem Wunder des Verstehens. Nicht, weil plötzlich alle dieselbe Sprache sprechen, sondern weil sie sich trotz Unterschiedlichkeit verstehen können.
Das ist vielleicht das eigentliche Wunder: Vielfalt wird nicht abgeschafft, sondern verbunden. Menschen aus verschiedenen Kulturen, mit unterschiedlichen Hintergründen, hören dieselbe Botschaft – jede und jeder in der eigenen Sprache.
Das ist ziemlich modern. Keine Einheitsmeinung, sondern ein gemeinsamer Geist.
Und dieser Geist wirkt nicht nur in riesigen Kirchen oder bei großen Predigten.
Vielleicht beginnt er schon dort zu wirken, wo jemand im Büro den Mut hat, eine unbequeme Wahrheit freundlich auszusprechen. Wenn in einer hitzigen Debatte jemand sagt: „Lass uns erst mal zuhören.“ Oder wenn wir merken: Ich muss nicht alles alleine schaffen.
Pfingsten erinnert uns daran, dass Glaube nichts Starres ist. Kein verstaubtes Archiv, sondern ein lebendiger Funke. Manchmal leise wie ein Atemzug, manchmal kräftig wie ein Sturm.
Vielleicht ist Pfingsten also der Feiertag, der uns zuflüstert: Du bist nicht allein mit deiner Unsicherheit. Es gibt eine Kraft, die dich bewegen kann. Eine, die Mut macht, Brücken zu bauen, Worte zu finden und Türen zu öffnen.
Und falls Sie morgen jemand fragt, was Pfingsten eigentlich ist, können Sie sagen: Das ist der Tag, an dem Gott gezeigt hat, dass Verständigung möglich ist.
Tim Trabe
Vikar der Ev.-Luth. Pfarrgemeinde Güstrow


