Die Sucht bestimmte über Jahre ihr Leben. Immer wieder versuchten sie auszusteigen, immer wieder gab es Rückschläge. Besonders schwer traf sie der Verlust zweier geliebter Menschen innerhalb kurzer Zeit. Zunächst starb ihr Bruder an Krebs. Jens hatte ihn bis zuletzt gepflegt. „Er ist in meinen Armen gestorben“, sagt er leise. Nur wenige Monate später verlor die Familie einen neunjährigen Neffen an Blutkrebs.
„Da haben wir gemerkt, dass wir etwas ändern müssen“, erinnert sich Andrea. „Sonst bekommt unsere Mutter irgendwann auch noch den Anruf, dass wir nicht mehr leben.“ Beide entschieden sich für eine Therapie. Es folgten Entgiftungen und Klinikaufenthalte. Nach einem Rückfall im vergangenen Jahr führte ihr Weg schließlich nach Massow.
Schon beim ersten Besuch wussten sie, dass sie bleiben wollten.
„Der Wohlfühlfaktor war sofort da“, erinnert sich Dana Griesbach, die als Pädagogischer Fachdienst im Haus Kastanienhof arbeitet. Sie begleitet die Geschwister von Beginn an. „Beide wussten sehr klar, was sie wollen. Sie können ihre Ziele reflektieren und offen darüber sprechen, was sie brauchen, um abstinent zu bleiben.“
Genau darum geht es im Haus Kastanienhof. Mit der Umsetzung des Bundesteilhabegesetzes hat sich die Arbeit in den vergangenen Jahren grundlegend verändert. Statt vorgegebener Strukturen stehen heute die individuellen Ziele und Wünsche der Bewohner im Mittelpunkt.
„Wir würden niemals Lösungen vorgeben“, erklärt Dana Griesbach. „Wir fragen immer: Wie würden Sie das selbst lösen? Hilfe zur Selbsthilfe ist unser Credo.“
Für Andrea und Jens macht das einen spürbaren Unterschied. In Massow werden Unterstützungsangebote genau auf ihre persönliche Situation abgestimmt. Jens erhält derzeit 60 Fachleistungsstunden im Monat. Alle drei Wochen wird er beispielsweise zu einem Facharzt nach Schwerin begleitet. Andrea bekommt Unterstützung bei Arztbesuchen oder beim Einkaufen, weil Menschenmengen bei ihr Panikattacken auslösen können.
„Früher haben andere festgelegt, was unsere Ziele sind“, sagt sie. „Heute kann ich selbst sagen, was ich brauche und wobei ich Unterstützung möchte.“
Gemeinsam raus aus der Abhängigkeit

Die Geschwister Andrea und Jens haben schwere Verluste erlebt. Im Haus Kastanienhof finden sie Halt, Selbstbestimmung und neue Perspektiven.
„Wir waren schon als Kinder immer zusammen.“ Wenn Andrea das sagt, blickt sie zu ihrem Bruder Jens hinüber. Die beiden lachen kurz. Dann wird sie wieder ernst. Denn ihre gemeinsame Geschichte ist geprägt von Verlusten, Krankheit und Abhängigkeit – aber auch von Zusammenhalt, Mut und dem festen Willen, ihr Leben neu auszurichten.
Seit Februar leben die Geschwister im Haus Kastanienhof in Massow, einer gemeinschaftlichen Wohnform für Menschen mit Suchterkrankungen. Hier suchen sie einen Weg zurück in ein selbstbestimmtes Leben.
Aufgewachsen sind die beiden in Wolgast in einer großen Familie mit sieben Kindern. Die Kindheit war nicht immer einfach. Innerhalb der Familie erlebten sie Konflikte und Gewalt, die Eltern trennten sich. Der Alkohol ihres Vaters spielte dabei eine zerstörerische Rolle. „Dass unser Vater getrunken hat, war für uns eher abschreckend“, erinnert sich Jens. „Alkohol kam für uns nie infrage.“
Doch die Abhängigkeit fand einen anderen Weg.
Jens litt schon als Jugendlicher unter starken Schmerzen. Ärzte verschrieben ihm Schmerzmittel. „Mit 13 habe ich angefangen, Tilidin zu nehmen. Das habe ich damals gar nicht als Droge wahrgenommen“, erzählt er. Später folgten weitere Medikamente, stärkere Wirkstoffe und schließlich die Abhängigkeit. Andrea geriet viele Jahre später in eine ähnliche Situation. Nach einem schweren Autounfall erhielt die gelernte Krankenschwester starke Schmerzmittel. „Ich hätte nie gedacht, dass mir das passiert. Aber niemand ist davor gefeit“, sagt die heute 43-Jährige.
Auch die Freizeit gestalten die Geschwister selbstbestimmt. Mal geht es ins Restaurant, mal nach Rostock oder ins Kino. Für viele Menschen klingt das selbstverständlich. Für Andrea und Jens ist es ein wichtiger Schritt zurück ins Leben. „Durch die individuelle Begleitung erreichen wir unsere Ziele viel schneller als in den Gruppenangeboten“, sagt Jens.
Besonders bedeutend sind die begleiteten Fahrten in ihre alte Heimat Wolgast. Allein könnten sie diese Reisen derzeit nicht bewältigen, ohne ihre Abstinenz zu gefährden. Gemeinsam mit Mitarbeitenden besuchen sie ihre Mutter, ihre Tante und die Gräber ihrer Angehörigen. „Wolgast ist für uns immer noch ein heißes Pflaster und wir wissen, dass wir nie mehr dort leben können“, sagt Jens. „Aber wir lernen Schritt für Schritt, damit umzugehen.“
Die Geschwister unterstützen sich dabei gegenseitig. Noch teilen sie sich ein Zimmer. Bald sollen daraus zwei Einzelzimmer werden. Langfristig wünschen sie sich eine eigene Wohnung – vielleicht in Röbel oder Wismar.
„Wir haben uns vorgenommen, dass das unsere letzte Einrichtung bleibt“, sagt Jens. „Wir geben uns zwei oder drei Jahre Zeit. Wenn es länger dauert, dann dauert es länger.“
Dana Griesbach erlebt die Entwicklung der beiden mit großer Wertschätzung. „Mich hat überrascht, wie reflektiert sie sind und wie konsequent sie ihre Absprachen einhalten. Der Wunsch nach Veränderung ist bei beiden wirklich spürbar.“
Die Heimat an der Ostsee vermissen Andrea und Jens noch immer. Doch in Massow haben sie etwas gefunden, das sie lange gesucht haben: Sicherheit, Unterstützung und die Möglichkeit, ihr Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen.
Oder wie Andrea es formuliert: „Hier ist ein Zuhause auf Zeit. Und zum ersten Mal seit langer Zeit fühlen wir uns nicht mehr heimatlos.“




