"Wir Handicapler haben echt was drauf"

Doreen Laß lebt im CAP-Markt Rostock-Reutershagen vor, wie Inklusion im Alltag gelingt. Nach schweren Jahren hat sie hier ihren Platz gefunden.
Seit 17 Jahren ist Doreen Laß im CAP-Markt in Reutershagen, heute als Schichtleiterin, Ansprechpartnerin und Teamstütze. Was auf den ersten Blick wie ein Supermarkt wirkt, ist für sie ein Ort des Neubeginns, der Sicherheit und der Selbstwirksamkeit. Lange Zeit kämpfte sie mit einer schweren Depression, die sich nach ihrer Ausbildung als Autolackiererin einstellte, fand keinen Einstieg in ihren erlernten Beruf. „Es gab lange Krankenhausaufenthalte und die Depression hat mich zu einem unsicheren Menschen mit Ängsten gemacht“, erzählt die heute 45-Jährige. Kleinere Jobs, am Obststand oder im Souvenirshop, scheiterten, die Behindertenwerkstatt bot keine Perspektive, und sie fühlte sich zunächst völlig allein gelassen.
Dann kam die Integra Güstrow GmbH ins Spiel. Ein Vorstellungsgespräch ebnete ihr 2009 den Weg in den neu entstehenden CAP-Markt in Reutershagen. „Als Quereinsteigerin im Handel begann ich als Verkaufshelferin, oft an der Kasse“, erinnert sie sich. „Das war ein sehr schwieriger, facettenreicher Job. Es gab Tage, da habe ich die Grenzen gespürt, bin urplötzlich weggerannt und habe mich auf der Toilette eingeschlossen.“ Doch ihre Stärken wurden gesehen. Mit Geduld und Unterstützung der Schichtleitungen wurde sie langsam an verantwortungsvollere Aufgaben herangeführt. Begleitet wurde sie zudem durch die Assistenz für Einzelwohnen der Diakonie Güstrow. Ute Menzel stand ihr beratend zur Seite, führte Gespräche, half beim Einordnen schwieriger Situationen.
Schritt für Schritt wuchs Doreen Laß in neue Aufgaben hinein. „Ich habe eine Prüfung zur Verkäuferin abgelegt und bestanden“, sagt sie. „Ich denke, ich mache einen guten Job und er erscheint mir auch sinnvoll, weil wir nah am Menschen arbeiten.“ Im CAP-Markt plant sie nicht nur die täglichen Abläufe und koordiniert die Einsätze, sie motiviert die Mitarbeiter, traut ihnen etwas zu und erkennt individuelle Stärken – gerade bei Kolleginnen und Kollegen mit Handicap. „Wir Handicapler haben echt was drauf“, betont sie mit einem Lächeln. Ihre Erfahrungen helfen ihr, anderen Sicherheit zu geben und sie in ihrem Potenzial zu bestärken.
Der CAP-Markt in Reutershagen liegt mitten in einem Wohngebiet zwischen Plattenbauten und Kleingärten. Hier decken sich Senioren, Familien und Hobbygärtner mit frischen Lebensmitteln und Alltagsprodukten ein. Das CAP-Konzept verbindet Nahversorgung mit echter Teilhabe am Arbeitsleben: Menschen mit und ohne Beeinträchtigung arbeiten selbstverständlich zusammen. „Wir sehen täglich, dass Inklusion funktioniert, ohne dass es groß auffällt“, sagt Doreen Laß. „Die Kunden merken, dass wir ein gut eingespieltes Team sind, und wir merken, dass wir gebraucht werden.“
Auch Björn Kozik, Geschäftsführer der Integra Güstrow GmbH ergänzt: „Frau Laß ist ein wunderbares Beispiel, wie Inklusion im Arbeitsalltag gelingt. Sie bringt Erfahrung, Verantwortungsbewusstsein und Empathie ein. Ihr Werdegang zeigt, dass Menschen mit Handicap in unseren CAP-Märkten nicht nur mitarbeiten, sondern Verantwortung übernehmen und mitgestalten können.“
Doreen Laß blickt zurück auf den langen Weg: „Vor 17 Jahren hat man mehr in mir gesehen, als ich damals selbst glauben konnte. Alles war nur möglich durch das Team und die Unterstützung von Frau Menzel.“ Heute ist sie nicht mehr nur Verkaufshelferin, sondern Schichtleiterin und Bezugsperson für Kolleginnen und Kollegen – ein lebendiges Beispiel dafür, wie Vertrauen, Begleitung und Chancen eine zweite Chance ermöglichen.
„Ich denke, wir zeigen jeden Tag: Inklusion ist kein Extra, sie ist gelebte Normalität“, schließt Doreen Laß und geht weiter durch die Gänge ihres Marktes, checkt die Regale, berät Kunden und Kolleginnen. Dabei bleibt eines unübersehbar: Wer hier arbeitet, wird gesehen, gefördert und respektiert – und das macht das Arbeiten im CAP-Markt für alle zu etwas Besonderem.


