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Mit Herz und Haltung

03.09.2026
Karl-Heinz Schlag
Der Weg aus der Ukraine nach Deutschland
Seit Beginn des Krieges machten sich viele Menschen aus der Ukraine auf den Weg in unser Land. Grafik: Karen Köthner/ magnetic Ressourcen

Als der Ukraine-Krieg ausbrach, öffnete Karl-Heinz Schlag spontan sein Zuhause. Seine Geschichte erzählt von Mut, Mitmenschlichkeit und gelebter Nächstenliebe.

Es war vor gut viereinhalb Jahren, in den letzten Februartagen, da erreichten uns die schrecklichen Bilder im Fernseher über den Vormarsch der russischen Truppen auf die Stadt Kiew. Fast zeitgleich ploppte auf meinem Facebook-Account ein Hinweis auf den Geburtstag eines Bekannten aus Kiew auf. Ich gratulierte kurz und fragte angesichts der bedrohlichen Lage, ob er und seine Familie Hilfe brauche und wie die aussehen könne. Vor über 30 Jahren hatten wir uns in Deutschland kennengelernt, nachdem er als damals 10-jähriger Junge im Rahmen einer „Erholungskur“ nach der Tschernobyl-Katastrophe in die MecklenburgischesSchweiz kam. Inzwischen hatten wir uns hin und wieder in Kiew in unserer Partnergemeinde getroffen, die wir als Kirchengemeinde mit jährlichen humanitären Hilfstransporten von 1995 bis 2005 besuchten und unterstützten.

Der Junge von damals war in den Jahren ein erwachsener Mann und Familienvater von drei Kindern geworden. Und nun stand der Krieg vor seiner Haustür. Einige Stunden vergingen bis eine Antwort auf meinen Geburtstagspost kam. Aber dann, mitten in der Nacht fragte er über den Messenger-Dienst an, ob er mit seiner Frau und den Kindern nach Deutschland kommen könne. „Wir müssen hier weg und würden zu euch kommen!“ Wir überlegten eine kurze Zeit und sagten dann spontan zu. Irgendeine Lösung wird sich finden, wenn Menschen in dieser lebensbedrohlichen Notlage um Hilfe bitten, dachten wir und beteten für die Familie, die Menschen, das Land.

Dann dauerte es keine zwei Tage bis sie den 1500 Kilometer langen Weg durch Panzersperren und Grenzkontrollen passiert hatten. Erschöpft, aber überglücklich am Leben und in Sicherheit zu sein, fand die Familie in unserem Haus Platz. Wir rückten zusammen und arrangierten uns mit der neuen Situation. Zugleich schmiedeten wir Pläne, denn unsere Freunde erzählten uns von anderen Familien, die ihre Heimat verlassen müssten und fliehen wollten.

Schon bald suchten wir nach weiteren Gastgebern und Helfern in der Kirchgemeinde, in unserer Stadt und dem Umland. Viele Menschen waren spontan bereit, ihre Herzen und Häuser, Kühl- und Kleiderschränke zu öffnen. Es entstand ähnlich wie bereits in der Flüchtlingssituation 2015/2016 ein Helferkreis aus 20 bis 30 Personen. Wir telefonierten und trafen uns, planten und organisierten Mitmenschlichkeit ganz praktisch.

So fanden in den ersten zwei Jahren etwa 100 Personen, darunter viele Mütter mit kleinen Kindern, aber auch Ältere eine neue Heimat in der Mecklenburgischen Schweiz und unsere „Ukraine-Hilfe“ wurde immer professioneller. In Trägerschaft des Sozialwerkes Malchin-Teterow e.V. eröffneten wir im Mai 2022 ein Ukraine-Hilfe-Büro als Anlauf- und Koordinationsstelle für Betroffene, Helfer und Institutionen, wie den Ausländerbehörden, Job-Centern, den Kitas und Schulen und vor allem den kommunalen Wohnungsgesellschaften.

Denn sehr bald merkten wir, dass eine eigene Wohnung für die neuen Nachbarn nicht nur Luxus, sondern lebensnotwendig zum Ankommen und zur Integration in der „neuen“ Welt war. Waren und sind doch viele unserer Ukrainerinnen und Ukrainer durch eigene Erlebnisse, aber auch durch Berichte aus der Heimat bis in diesen Tagen oft traumatisiert. Um sich etwas orientieren zu können, boten wir anfangs in der Woche einen Deutschkurs in den Räumen der freikirchlichen Gemeinde an. Und am Sonntag im Gottesdienst sprachen und sangen wir Deutsch, Ukrainisch, Russisch und verständigten uns manchmal auch nur mit Händen, Augen und den Herzen.

Wir organisierten Kita-Plätze und Schulangebote für die Kinder sowie Arbeitsangebote für einige Erwachsene, beantragten Kindergeld und Krankenversicherung, Geld- und Sachleistungen und unterstützten immer mehr die Hilfe zur Selbsthilfe. Nach einiger Zeit wurden die staatlichen Hilfe-Strukturen immer professioneller und besser, sodass das Projekt der „Ukraine-Hilfe“ 2025 erfolgreich beendet wurde. Leider gilt das nicht für den Krieg, der aktuell noch immer unerbittlich tobt.

Umso mehr hoffen wir auf Frieden und Gerechtigkeit für die Ukraine und ihre Menschen, auch in allen anderen Krisen- und Kriegsgebieten unserer Welt, und darauf, dass wir niemals in eine solche Lage wie unsere ukrainischen Freunde kommen mögen.

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